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Desiree Freier: Mein steiniger Weg zum Dr.med.

Desiree Freier: Mein steiniger Weg zum Dr.med.

Mein Name ist Désirée und ich freue mich, heute bei meiner Kollegin Dr. Magdalene Ortmann einen Gastbeitrag schreiben zu dürfen. Ich begleite als Ärztin und Wissenschaftlerin an der Charité erfolgreich Doktorand*innen zu ihrer Promotion. Ich habe selbst an der Charité-Universitätsmedizin studiert und bin seit 2014 in der Wissenschaft tätig. In meiner Freizeit habe ich für meine Doktorand*innen „Step-by-Step zum Doktor med“ gegründet.

 

Ich möchte euch heute von meinem teilweise steinigen Weg während der Promotionsphase erzählen und euch damit Mut machen. Mein Weg war nicht immer eben, aber ich habe es geschafft, alle Hürden zu überwinden, und mittlerweile einen Expertenstatus erreicht, den mir keiner mehr nehmen kann.

 

Vergleich 3er verschiedener exponentieller Wachstumskurven des Coronavirus.

 

Meinen Einstieg in das Thema Promotion fand ich als Studentin im 6. Semester im Zuge einer wissenschaftlichen Hausarbeit. Hier beschäftigte ich mich mit dem Thema Burnout bei Rheumapatienten und war das erste Mal während des Studiums auf mich allein gestellt. Eine systematische Literaturrecherche sollte es werden. Dunkel erinnerte ich mich, dass ich dazu im vorherigen Semester einen Kurs belegte, in dem ich allerdings eher meinen nächsten Sommerurlaub plante. „Warum nur “, fragte ich mich, „… hast du nicht besser aufgepasst?! Jetzt hast du den Salat!“

 

Ich saß also an meinem Schreibtisch und wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Warum ich damals in dem Kurs nicht aufgepasst hatte, war mir eigentlich schnell klar: Zu diesem Zeitpunkt brauchte ich dieses Wissen nicht. Jetzt hätte ich es gerne noch einmal abgerufen, aber Online-Kurse waren zu diesem Zeitpunkt noch ein Fremdwort in der Uni.

 

Also suchte ich nach Möglichkeiten, um mir einen Überblick darüber zu verschaffen, wie ich eine systematische Literaturrecherche schreibe. Meine Betreuerin war mir dabei leider keine große Hilfe, da sie selbst viel zu tun hatte. Zudem war es aber auch nicht ihre Aufgabe, denn eigentlich hätte ich die nötigen Grundlagen ja bereits gelernt.  

 

Das Internet war bei meiner Suche nach einer Strategie für die systematische Literaturrecherche leider überhaupt nicht hilfreich. Ich schrieb mich also letzten Endes in einen von der Universität angebotenen Promotionskurs ein, um wenigstens einen groben Überblick zu erhalten, obwohl ich noch gar nicht an meine Promotion dachte. Dieser Kurs war insgesamt wirklich gut – aber vertiefende Details zu meinen Fragen bezüglich der Hausarbeit erhielt ich leider auch dort nicht.

 

Ich wusste jetzt aber zumindest, dass man mit PubMed am besten eine MeSH-Term-Suche durchführt und dann die Literaturergebnisse erhält. Mir blieb im Endeffekt nichts anderes übrig, als einfach loszuarbeiten und meine Betreuerin mit Emails zu bombardieren. Im Nachhinein sind mir Emails wie „Ich habe jetzt hier drei passende Literaturquellen gefunden, könnten Sie mal schauen, ob diese so passen?“ sehr unangenehm, aber ich wusste es schlichtweg nicht besser.

 

Mein Expertentipp: Heute empfehle ich dringend, die Literaturrecherche frühzeitig, am besten direkt zu Beginn einer jeden Promotion durchzuführen.

 

Hätte ich damals schon meine Arbeitsweise von heute an den Tag gelegt, hätte ich mir viel Zeit gespart. Bei diesem Arbeitsprinzip geht es darum, dass mit nur 20 % des Aufwands rund 80 % des Ergebnisses erarbeitet werden.

 

Einen wertvollen Tipp zur effektiven Literaturrecherche gebe ich euch an dieser Stelle bereits vorab: Dokumentiert jeden Suchschritt in einer Tabelle, damit ihr zu einem späteren Zeitpunkt nicht noch einmal von vorne anfangen müsst, sondern einfach updaten könnt.

 

Die Literaturrecherche wird standardmäßig auf der Datenbank PubMed betrieben; idealerweise sollte dort mit sogenannten MeSH Terms gearbeitet werden. Jedoch gibt es auch weitere Datenbanken, wie die Cochrane Libary, die ich auch für sehr wichtig erachte. Das Entscheidende bei der Literaturrecherche ist, dass ihr nicht jeden Artikel vollständig lesen müsst. Eure Arbeit sollte aber den Anspruch haben, dass ihr möglichst von allen Artikeln Kenntnis habt, die zu diesem Thema existieren.

 

Das einfache Prinzip an meiner Vorgehensweise der effektiven Literaturrecherche ist, dass ich die Literatur in meinen eigenen Worten stichpunktartig in einer Tabelle zusammenfasse und dabei gleich den Autor, das Jahr und die PMID notiere. Außerdem habe ich ein Priorisierungssystem entwickelt. Klingt banal, ist es aber nicht!

 

Wenn ihr diesen Schatz einmal erarbeitet habt, schreibt sich eure Einleitung fast selbst – ganz egal, wann ihr die Literatur gelesen habt. Ich profitiere heute noch von meinen Tabellen aus dem Jahr 2015, wenn ich Vorträge zu psychologischen Themen in der Rheumatologie halte. Gleichzeitig hat die frühzeitige und ausführliche Literaturrecherche den Vorteil, dass ihr genau wisst, worauf es bei eurer Arbeit ankommt, um einzigartig zu sein.

 

Zurück zu meiner wissenschaftlichen Hausarbeit: Das Feedback meiner Betreuung war trotz aller Bemühungen niederschmetternd. Neben den inhaltlichen Verbesserungsvorschlägen kamen Sätze wie „Wollen Sie wirklich eine Arbeit abgeben, die nicht einmal im Blocksatz formatiert ist?“ oder „Was haben Sie da für eine kindische Schriftart gewählt, diese ist nicht gängig für wissenschaftliche Arbeiten, das nehme ich so nicht an!“ und vieles mehr.

 

Wie ich mich dabei fühlte? Ihr könnt es euch sicher denken: Ich fühlte mich so unfähig und stümperhaft wie noch nie zuvor in meinem Leben. Entscheidend ist aber, was ich später feststellen durfte: Wir alle haben Fehler gemacht. Wichtig ist, dass wir daraus lernen.

 

Diesen Anspruch habe ich auch an meine eigenen Doktorand*innen und Studierenden in wissenschaftlichen Arbeiten. Ein Fehler wird genau einmal gemacht, ausgebessert und dann möglichst für immer vermieden.

 

Dass ein wissenschaftlicher Text im Blocksatz und in den Schriftarten Arial oder Times New Roman verfasst werden sollte, ist vielen zu Beginn der Wissenschaftskarriere noch gar nicht bewusst. Auch die DIN-Norm möchte ich an dieser Stelle zu erwähnen, die in all euren Tabellen und Grafiken sichtbar werden sollte – mehr Infos dazu findet ihr auf meinem Blog.

 

Nun ging es also auch bei mir endlich an die Promotion. Zwar wusste ich nun, wie ich die Literaturrecherche durchführe, wie ich jedoch eine ganze Studie planen soll, das wusste ich nicht. Es ging also wieder von vorn los … wieder klägliche Planungsversuche, wieder das Gefühl, nichts zu können, wieder Fehler, die ich gerne von vornherein vermieden hätte, wenn es mir jemand gesagt hätte.

 

Ich hatte den Eindruck, dass jeder meiner Schritte nach vorn genau drei Schritte zurück bedeutet. Aber auch diese Hürden meisterte ich, wenn auch mit einigen Umwegen, die ich euch ersparen möchte.

 

Heute erkläre ich meinen Doktorand*innen genau, worauf es bei einer guten Studienplanung ankommt. Auch hier hat mich der steinige Weg meiner eigenen Promotion zum Experten gemacht: Ich musste alle Anträge (Ethik- und Datenschutzantrag sowie Eintragung in das klinische Studienregister) selbst schreiben und wurde dafür von einigen Kommilitonen sogar belächelt.

 

Heute bin ich dankbar dafür, weil ich genau weiß, worauf es formal und inhaltlich bei der Planung einer Studie ankommt. Jede gute Studie beruht auf einem ausführlichen Projektplan und benötigt einen genehmigten Ethikantrag sowie ein positives Datenschutzvotum. Außerdem muss sie in ein Studienregister (z. B. Clinical Trials) eingetragen werden.

 

Mein Expertentipp: Achtet darauf, dass all diese Dokumente vorhanden sind, bevor ihr mit eurer Studie loslegt.

 

Nutzt außerdem die wertvollen Informationen, die dort geschrieben stehen. Hier könnt ihr vieles für den methodischen Teil eurer Arbeit nutzen. Auf meinem Blog beschreibe ich euch noch, wie ihr diese Dokumente gut verwenden könnt.

 

 

Mittlerweile habe ich mehrere Publikationen veröffentlicht und wende dabei jedes Mal dieselbe, von mir etablierte, Vorgehensweise an. Das bewährte Konzept, das ich mir erarbeitet habe, entstand dadurch, dass ich bereits während der steinigen Promotionsphase immer genau so viel Eigenverantwortung übertragen bekommen habe, dass ich an meine Grenzen stieß, aber durch die Ratschläge und Einwände meiner Betreuerin doch zum Ziel kam.  

 

Über die Zeit lernte ich alles, was man für die Wissenschaft benötigt. Meine erste Erkenntnis war retrospektiv betrachtet, dass meine Studie, die ich eigenständig plante, ein sehr aufwändiges Projekt war. Dies war in meinem Fall kein Hindernis, da ich mich bereits entschieden hatte, den Weg der Universitätskarriere einzuschlagen.Ich berate allerdings heute meine Klient*innen und Doktorand*innen, die sich bewerben, sehr genau bezüglich der Themenwahl zur Promotion.  

 

Eine Promotion ist sehr zeitaufwändig – egal, welche Form der Promotion ihr wählt oder wie motiviert ihr seid. Viele externe Gegebenheiten, wie zum Beispiel die Zustimmung der Ethikkommission oder das unterschiedliche Patientenaufkommen, kosten teilweise enorm viel Zeit und Nerven. Viele experimentelle Doktorarbeiten werden sogar deshalb abgebrochen, weil ein Experiment noch nicht etabliert ist und nicht so gelingt, wie es geplant war.  

 

Ein weiterer wichtiger Punkt bei der Wahl des Promotionsthemas ist neben dem Aufwand auch die dahinterstehende Betreuung. Ihr müsst bedenken, dass ihr mit diesem Menschen wahrscheinlich über mehrere Jahre  eng zusammenarbeitet. Auch hierzu ist noch ein gesonderter Blogbeitrag von mir geplant, da ich dieses Thema für enorm wichtig erachte.  

 

Da für mich, wie auch für meine Kollegin Frau Dr. Ortmann, die gute wissenschaftliche Praxis und die Prozessoptimierung an erster Stelle stehen, möchte ich mein Wissen mit euch teilen und euch einige Stolpersteine während der Promotion ersparen.  

 

Ich habe deshalb eine Anleitung zu allen Grundsätzen und wichtigen Rahmenbedingungen der medizinischen Promotion in einem Online-Kurs zusammengefasst.  

 

Je mehr wir wissen, desto weniger angreifbar sind wir!  

 

Neben den persönlichen zeitfressenden Stolpersteinen können leider auch ernsthafte Konsequenzen aus Unwissenheit entstehen. Gerade hinsichtlich des Datenschutzes sind in den letzten Jahren immer strengere Richtlinien für klinische Studien entstanden. Wusstet ihr zum Beispiel, dass es strengstens untersagt ist, die Primärdaten, welche selbstverständlich von euch vollständig pseudonymisiert worden sind, neben dem Ordner mit der Patienten-Identifikationsliste abzustellen? Dies ist nur eines von vielen Beispielen zum datenschutzkonformen Umgang mit Patientendaten.  

 

Leider gilt hier der Grundsatz: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht!   Ich hatte das Glück in einem Studienteam zu sein, welches eine eigene Datenschutzbeauftragte hatte, die mir alles erklärte. Vielen geht es allerdings nicht so. Vielleicht wisst ihr am Ende sogar am meisten darüber …  

 

Auch ein transparenter Umgang mit wissenschaftlichen Daten hinsichtlich der Auswertung ist enorm wichtig. Man kann immer irgendetwas berechnen, nur ob es Sinn ergibt oder gar versehentlich Aussagen verdreht, ist nicht immer klar. Deshalb empfehle ich an dieser Stelle auch immer mit Menschen wie Frau Dr. Ortmann zusammenzuarbeiten. Überlasst die Statistik den Profis! Auch ich hole mir immer wieder statistische Beratung für meine Studien.  

 

Mein Fazit aus dem teils steinigen Weg zur Promotion ist, dass ich keinen meiner Schritte bereue, weil sie mich zu der Frau gemacht haben, die ich heute bin, nämlich eine Ärztin, Wissenschaftlerin und leidenschaftliche Promotionscoachin. Möchtet ihr eine Abkürzung gehen und einen Weg mit weniger Stolperfallen und Steinen beschreiten? Dann schaut gern bei mir auf der Website vorbei oder schreibt mir eine E-Mail (stepbystepzumdoktormed@gmail.com).  

 

Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Beitrag motivieren, nicht aufzugeben. Lasst euch nicht von Fehlern oder Kritik durch eure Betreuung entmutigen. Es ist noch kein*e Experte*in vom Himmel gefallen, aber wir alle können dazu werden.  

 

Eure Désirée  

 

Wie vermeide ich, dass fehlende Daten meine Doktorarbeit ruinieren?

Wie vermeide ich, dass fehlende Daten meine Doktorarbeit ruinieren?

Langzeitstudien mit vielen Messterminen bergen ein nicht zu unterschätzendes Fehlschlagrisiko (und das ist britisches Understatement).

Sie liefern den Alptraum, der Doktoranden in schlaflosen Nächten besuchen kommt, frei Haus UND kostenlos mit. Und dieser wabbelige Besucher heißt:

 

Fehlender Wert.
 

Fehlende Werte sind so ziemlich das Schlimmste, was einer Studie passieren kann. Denn jeder fehlende Wert bedeutet, dass der entsprechende Patient die Studie verlässt.

 

Warum ist das so?

 

In Langzeitstudien werden vorab definierte Zielvariablen über einen langen, laaangen Zeitraum wiederholt gemessen. Dies ermöglicht es die Entwicklung dieser Variablen über eine oder mehrere Interventionen hinweg zu beobachten und / oder  zu vergleichen.

In der Statistik haben wir für sich wiederholende Messungen (tata!) Tests mit Messwiederholung (da würde man jetzt nicht drauf kommen…).

Das kann z.B. Modell für den Vergleich zweier Messpunkte innerhalb einer Gruppe ein gepaarter T-Test sein, oder wenn man mehr als zwei Messpunkte hat, die ANOVA mit Messwiederholung (oder auch repeated-measures ANOVA genannt).

Diese und ähnliche Verfahren erfordern nun aber, dass jeder Messpunkt für wirklich jeden Probanden vorhanden ist (Näheres dazu bald in einem Artikel zur ANOVA).

Wenn ein Patient beispielsweise nicht zum Messtermin erscheint oder ein Wert aus Versehen nicht erhoben wird, dann habt Ihr diesen Patienten an allen anderen Messterminen leider umsonst gemessen (falls du deine Datenerhebung schon beendet hast, bekomm jetzt bitte keinen Schreikrampf – auch wenn es angebracht wäre).

Natürlich gibt es immer Wege fehlende Werte zu schätzen (z.B. durch Interpolation oder Imputation), aber in Patientenstudien und gerade bei solchen, die nur wenig Probanden haben, wird das nicht gern gesehen.

 

Was ist also die Lösung, um fehlende Werte in den Griff zu bekommen?

 

Ganz einfach: VERMEIDE SIE.

 

Und das ist nicht nur irgend so eine idealistische Phrase von jemanden, der immer nur nett am Schreibtisch sitzt, Daten auswertet und keine Ahnung vom wirklichen Leben in der Klinik hat. Meine gesamte Dissertation beruht auf Studien, in denen ich Patienten über Zeiträume von bis zu sechs Monaten immer und immer wieder mit langwierigen Messungen traktiert habe.

Das waren Kinder, deren Mütter blitzschnell dabei sind die Kabel abzureißen und mit den Kindern aus dem Labor zu stürmen, wenn es auch nur den Anschein hat, dass da etwas nicht läuft. Aber auch Erwachsene über 70, bei denen man schon wirklich viel Überzeugungsarbeit leisten muss, damit diese nach einem langen Kliniktag noch einmal zwei Stunden in der EEG-Kammer sitzen.

 

Am Ende meiner drei Studien hatte ich genau einen einzigen fehlenden Wert und das auch nur, weil mein Patient aufgrund seines wirklich gehobenen Alters verstorben ist. So etwas ist dann einfach Pech und ich denke bis heute sehr gern an diesen netten älteren Herren mit seinem wunderbaren Humor zurück.

 

Wie habe ich das erreicht?

 

Ich habe mich an ein paar einfache Regeln gehalten:

 

> Sei deine eigene Study-Nurse

Niemand, aber auch wirklich niemand, kann besser dafür sorgen, dass Patienten zur Messung bzw. zum Kontrolltermin kommen, als du. Und warum?

Weil niemand ein größeres Interesse an seiner Anwesenheit hat.

Nehmen wir es, wie es ist: Jeder andere profitiert wahrscheinlich sogar davon, wenn der Patient nicht kommt, denn das bedeutet weniger Stress im klinischen Alltag.

Dem entsprechend wird auch niemand außer dir dafür freiwillig Sorge tragen.

Also schwing dich ans Telefon und rufe deinen Patienten 1-2 Tage vor dem Termin an und sag ihm, wie sehr du dich freust, ihn zum Kontrolltermin begrüßen zu dürfen.

 

> Traue Niemanden. Besteche jeden.

Seien wir ehrlich. Nicht jeder Test macht zu jedem Termin Sinn. In meiner Dissertation haben die Logopäden und Audiometristen völlig zurecht moniert, dass es wenig Sinn macht sehr komplexe Sprachreize kurz nach Aktivierung des Cochlea Implantats zu testen. Demensprechend waren Sie jedes Mal kurz davor entsprechende Tests einfach weg zu lassen.

Aber weißt du was? Zu glauben, dass ein Patient ein Ergebnis x zeigen wird, ist keine Erlaubnis einen entsprechenden Wert x auch hinzuschreiben (z.B. eine „0“ à la „versteht nix“).

Ein fehlender Wert ist ein fehlender Wert und wird auch als fehlender Wert eingetragen.

Also ist es deine Aufgabe den entsprechenden Test eigenhändig durchzuführen oder zumindest den entsprechenden Mitarbeitern so lange auf den Keks zu gehen (oder Kekse zu schenken) bis der Test zuverlässig durchgeführt wird. Und zwar immer!

 

> Baue vor Beginn der Studie ein übersichtliches Studienprotokoll, in das jeder erhobene Wert easy peasy eingetragen werden kann.

Das A und O eines vollständigen Datensatzes ist Komfort. Klinikalltag ist stressig. Jeder möchte nur möglichst schnell durchkommen. Wenn sich also nur die kleinste Möglichkeit für ein entschuldbares Weglassen des Tests bietet, dann wird diese Chance ergriffen!

Also erstelle für jeden Patienten einen eigenen Ordner mit allen Testunterlagen, die pro Messtermin benötigt werden. Oben drauf kommt dann ein Protokollbogen, auf dem alle relevanten Daten eingetragen und die Tests nacheinander abgehakt werden können. 

Spezialtipp: Wenn du eine Randomisierung der Testreihenfolge eingebaut hast, sortiere die Testunterlagen für jeden Messtermin entsprechend.

 

> Gehe auf Nummer sich und teste selber.

Jetzt möchtest du mir wahrscheinlich eine scheuern. Denn selber testen ist eine Wahnsinnsarbeit. Es kostet enorm viel Zeit und Energie.

Aber weißt du was? Ein löchriger Datensatz kostet dich noch mehr. Ich habe immer wieder Studien auf meinem Tisch, bei denen eine Dissertation lange Zeit nicht abgeschlossen werden kann, weil die Datenauswertung aufgrund der fehlenden Werte ein einziges Desaster ist.

Glaub mir, ein Betreuer kann ganz schnell die Lust an einem Projekt verlieren, wenn sich abzeichnet, dass die Datenbasis schlecht ist. Und dann muss nicht nur eine Strategie her wie man mit den fehlenden Werten umgeht, sondern auch ein Schlachtplan entwickelt werden, wie man die Dissertation durchbekommt.

 

Und da bestätigt sich wieder Punkt 1: Das größte Interesse an einer lückenlosen Messung hast du – und keiner sonst.

 

Also umgarne deine Patienten damit Sie kommen, messe am besten alles selber und baue vor Beginn der Studie für jeden Patienten einen eigenen Studienordner.

Auf diese Weise wird aus dem dicken Monster (mit ein bisschen Einsatz) eine schnurrende Katze, die dich nachts wärmt und für gute Träume sorgt (und jetzt rate mal warum ich seit meiner Dissertation sogar zwei Katzen habe….).

 

 

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10 Dinge, die ich gerne vor Beginn meiner empirischen Doktorarbeit gewusst hätte!

10 Dinge, die ich gerne vor Beginn meiner empirischen Doktorarbeit gewusst hätte!

Deine Doktorarbeit steht an und du möchtest von Anfang an Fehler vermeiden? In diesem Artikel zeige ich dir wie du das schaffen kannst!

1. Schreib über ein Thema, das dich wirklich interessiert!

Eine empirische Dissertation dauert – wenn es richtig gut läuft – 2 Jahre. Viel wahrscheinlicher ist es aber, dass du 3 bis 4 Jahre mit demselben Thema verbringen wirst. Das wird selbst für Leute, die für die Forschung geboren sind, irgendwann langweilig. Zu promovieren bedeutet, sich intensiv mit ein paar kleinen Details zu befassen und diese in bis zu drei Studien zu untersuchen. Du wirst dich also seehr, seeehr, seeeehr lange mit ein und derselben Sache beschäftigen. Das hält nur durch, wer für sich wirklich für ein Thema interessiert (oder einen Hang zu Selbstquälerei hat).

 

2. Eine kumulative Dissertation spart Zeit (äh nein).

Viele Fakultäten bieten heutzutage die kumulative Dissertation an. Man schreibt dabei bis zu drei Paper für Fachzeitschriften und spart sich die 200-seitige Monografie. Was sich im ersten Moment sehr gut anhört (90 vs. 200 Seiten, das geht doch eindeutig schneller), kann sich im Endeffekt als Trugschluss herausstellen, denn auf die Details der Promotionsordnung kommt es an!

Ein Paper zu veröffentlichen, dauert durch den Reviewprozess sehr lange und beinhaltet oft mehrere Überarbeitungsrunden. So muss man bis zum einem Jahr extra Zeit einplanen, bis die Publikation wirklich akzeptiert wird. Diese Zeit muss durch Drittmittel abgedeckt sein, denn irgendwie musst du deine Miete ja bezahlen. Schau dir zu Beginn also genau an, was in der Promotionsordnung steht:

Wie viele Paper müssen akzeptiert sein, bevor du abgeben darfst, und wie viele müssen nur „veröffentlichungsfähig“ sein? Diese Paper müssen dann qualitativ so ausgereift sein, dass sie einem Fachjournal zugeschickt werden können, müssen aber noch nicht akzeptiert sein – ein Unterschied von bis zu einem Jahr!

 

3. Mach einen Vertrag mit deinem Doktorvater.

Let’s face it – sobald du deinen Vertrag unterschrieben hast, bist du der Arbeitssklave deines Chefs (und nein, Frauen sind als Betreuer auch nicht besser). Ich habe diverse Male erlebt, dass Doktoranden mit immer neuen Aufgaben überrascht wurden, die sie unbedingt noch schnell erledigen müssen, aber dann, ja dann dürften sie ganz sicher alles zusammenschreiben und abgeben. Bei nicht wenigen ist dieser Tag nie gekommen, denn irgendwann waren die Drittmittel weg und die Diss noch sehr weit entfernt davon, als dickes Buch im Wandschrank zu glänzen.

Um dem vorzubeugen, ist es extrem wichtig, vor Beginn der Promotion in einem Exposé zusammenzufassen, was untersucht werden soll und wie viele Studien und Publikationen damit verbunden sind. Das Ganze wird noch rechtssicherer, wenn eine Promotionsvereinbarung verfasst und vom Doktoranden, dem Betreuer und dem Promotionsbüro der jeweiligen Fakultät unterschrieben wird. So kann man am Ende auf die Vereinbarung verweisen und ist auf der sicheren Seite (und eines Tages ist Dobby, der Labor-Elf frei, juhuu!).

 

4. Ich habe Geld für 3 Jahre, Füße hoch!

Du hast dein Traumthema gefunden, jemand hat dir einen Dreijahresvertrag gegeben; die wahnsinnig spannenden Forschungskolloquien und die coolen, superteuren Messgeräte im Labor geben dir das Gefühl, dass du erstmal alles in Ruhe entdecken musst. Das stimmt und Neugier ist eine richtig gute Sache, denn wer die nicht hat, passt auch nicht in die Forschung – ABER: Im Studium hatte alles eine unheimlich hohe Taktzahl an Aufgaben, die man recht schnell abarbeiten konnte. Forschung ist anders, denn hier dauert alles unheimlich lange.

Ein tragfähiges Forschungsparadigma zu entwickeln – braucht lange. Eine Messung aufzubauen – braucht lange. Datenanalyse – braucht lange. Und ein Manuskript zu schreiben und durch den Reviewprozess zu kriegen – dauert richtig, richtig, richtig lange. Es ist also enorm wichtig, von Beginn an auf die Tube zu drücken. Das heißt nicht, dass du nicht alle spannenden Angebote mitnehmen sollst, die dir deine Forschungsgruppe bietet. Aber anstatt spät in den Tag zu starten und gegen vier nach Hause zu gehen (ja ich weiß, dass du nur eine 65 %-Stelle hast), richtest du dir besser ab dem ersten Tag eine feste Arbeitsroutine ein.

Starte um 9 und gehe um 18 Uhr nach Hause. Halte die Mittagspause ein, aber gehe nicht noch 3x ins Nachbarbüro und trinke einen Kaffee mit Kollegen, auch wenn der Kopf raucht. Hab immer im Kopf, dass dein Geld irgendwann weg ist – und eine Diss im Postdoc oder in einer Firma zu Ende zu schreiben, bedeutet viele Nacht- und Wochenendschichten. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede.

 

5. Setz dich nicht unter Druck – du lernst noch!

Als ich gerade meine Diplomarbeit in der Hirnforschung beendet hatte und noch nicht in mein neues Labor nach Münster gewechselt bin, war es meine Aufgabe, die neuen Diplomanden und Hiwis in die Matlab-Auswertung einzuführen. Ich habe mich dabei wahnsinnig unter Druck gesetzt. Aus irgendeinem Grund war ich der Meinung, mit dem Diplom in der Tasche und als Quasidoktorand allwissend sein zu müssen – was für ein Blödsinn!

Als Doktorand hast du durch die Masterarbeit zwar schon eine eigenständige Forschungsarbeit erledigt, aber eigentlich fängt dein Weg als Forscher erst jetzt richtig an. Du wirst deine Projekte von der Pike auf selbst entwickeln, sie werden deine Handschrift tragen und in allen Einzelheiten von dir bearbeitet werden – und das ist richtig schwierig!

Dementsprechend ist es auch ganz normal, wenn du dafür Zeit und Anregungen brauchst. Dafür ist dein Promotionsbetreuer da! Lass dir die Zeit, dich in die Literatur und die Methodik einzulesen – so bekommst du das feste Wissens- und Fähigkeitsfundament, das dich später, nach vielen, vielen Jahren als Wissenschaftler, wie der allwissende Held der Forschung aussehen lässt für die du deine Chefs hältst.

Wenn du täglich einen 9-Stunden-Tag an der Uni einplanst, solltest genug Zeit haben, dir dein Expertenwissen aufzubauen. Also relax, take your time and become the master of the universe!

 

6. Such dir ein Stipendium!

Sein eigenes Ding durchzuziehen und eine tolle Doktorarbeit zu schreiben, ist möglich! Dafür braucht man aber sehr viel Geld – zumindest um den eigenen Lebensunterhalt während der gesamten Promotion zu bestreiten.

Als ich im letzten Semester meines Studiums war, habe ich lange überlegt, wie es weiter gehen könnte. Ich wollte unbedingt in die Forschung. Also habe ich mir viele Stellenausschreibungen angesehen, mich beworben und hatte letztendlich ein Stellenangebot vom Max-Planck-Institut in der Tasche. Trotzdem wurde ich immer unruhiger, da ich seit einiger Zeit die Idee hatte, mein eigenes Forschungsprojekt zum Thema Kortikale Plastizität zu entwickeln.

Bei der Entscheidung hat mir damals mein Diplomarbeitsbetreuer geholfen: Es wird immer (mehr oder weniger) passende Stellenangebote geben, aber eine gute Idee gibt es nur einmal! Also habe ich dem MPI abgesagt, mich auf ein Stipendium beworben, die Auswahltagung mitgemacht, zeitgleich (grenzdebil-optimistisch) eine Wohnung in Münster angemietet und meine ganze Zukunft auf eine Karte gesetzt.

Super riskant, aber es hat sich gelohnt! Als die Zusage kam, hatte ich meine eigenen Personalmittel für 3 Jahre, Reisegelder, inhaltliche Unabhängigkeit und ein Projekt, das mich 4 Jahre lang auch durch die Frustrationstäler der Dissertation getragen hat.

 

7. Du wirst nicht CRISPR-Cas9 entdecken.

Zumindest ist es sehr, sehr unwahrscheinlich. Natürlich startet jeder Doktorand mit dem Ziel, einen riesigen Komplex an neuen Erkenntnissen zu erarbeiten (am besten gleich im ersten Paper). Das Problem dabei ist – ihr seid keine Senior Researcher – selbst wenn ihr eine unglaubliche Entdeckung machen würdet: die anderen Forscher werden euch das Ganze höchstwahrscheinlich nicht abkaufen.

In den unzähligen Kolloquien, in denen ich war, habe ich eine Beobachtung gemacht: Je älter und erfahrener ein Forscher war, desto weniger Details standen in den Vorträgen auf den Folien. Diese Forscher haben über Jahrzehnte hinweg unzählige Studien durchgeführt, jede Studie hat ein Minidetail eines Forschungsfeldes bearbeitet und diese riesige Menge an Details, das ist das Knallerergebnis, das man sich wünscht.

Daher ist es ganz normal, wenn man kleine (sehr kleine) Brötchen pro Studie backt – erst ihre Gesamtheit ist der bahnbrechende Fortschritt.

 

8. Forschung ist ergebnisoffen.

Im Studium wird alles bewertet. Jede Hausarbeit, jede Klausur, jeder Vortrag bekommt eine Note und somit ein richtig oder falsch. Darin unterscheidet sich das Studium ganz grundlegend von der Promotion. Von nun an wirst du ergebnisoffen arbeiten. Du wirst basierend auf der bisherigen Literatur Hypothesen generieren, du wirst Daten erheben und auswerten und ein Paper schreiben, das argumentativ so aufgebaut ist, dass deine Hypothesen bestätigt werden.

Aber letztendlich muss dir klar sein, dass es von nun an kein richtig oder falsch mehr gibt. Vielleicht stellt sich schon während der Datenanalyse heraus, dass es sich ganz anders verhält, als du dir das gedacht hast. Vielleicht bestätigen deine Messungen auch deine initialen Hypothesen und irgendein Reviewer sagt dir dann, dass du trotzdem einen ganz wichtigen Aspekt in deinem Paradigma nicht beachtet hast und allein deshalb schon alles ganz anders sein kann. Und das Schlimme ist – vielleicht hat er Recht, vielleicht auch nicht.

Nur eine große Anzahl von Studien, durchgeführt von vielen verschiedenen Forschergruppen, schafft letztendlich Gewissheit. Was aber immer hilft, um Vertrauen in die eigenen Ergebnisse zu haben: Methodisch sauberes Arbeiten. Erstellt gute Studiendesigns, messt genug Leute und wertet ohne inneren Bias aus (und zwar alle Probanden und nicht nur die, die das entsprechende Ergebnis liefern – alles schon erlebt).

 

9. Lies, was dir Spaß macht.

Ich gebe es ehrlich zu, Promotionsthemen sind auf Dauer ein bisschen öde. Man beschäftigt sich sehr lange mit dem gleichen Thema. Dummerweise hat man aber nicht allzu viel Zeit, um sich parallel zum Generalisten ausbilden zu lassen, sondern steckt ziemlich viel Energie in diese eine Arbeit.

Mein Doktorvater hat mir damals einen sehr guten Tipp gegeben: „Wenn du in der Forschung bleiben willst, musst du das hier wahrscheinlich 40 Jahre lang durchhalten (sowohl die Arbeitsbelastung als auch die streckenweise thematische Einöde). Also lies immer parallel irgendein Buch, das dir Spaß macht und möglichst wenig mit deinem eigenem Thema zu tun hat.“ Das war der Tipp meines Lebens!

Ich habe mich damals in die Bücher von Oliver Sacks verliebt und später dann in die Statistikbücher von Andy Fields. (Wie letzteres kam, weiß ich auch nicht, aber wir wissen alle, wohin das geführt hat.) So oder so, sich einfach mal mit einem ganz anderen Thema zu beschäftigen, hat mir ermöglicht, neue Motivation für mein eigenes Projekt zu tanken!

 

10. Und zu guter Letzt: Du wirst durch deine Promotion nicht vermögend, aber reich an Fähigkeiten!

Was jedem Doktoranden klar sein sollte: Die Chancen, dass man durch seine Promotion später mal viel Geld verdienen wird, sind eher gering. Eine Promotion öffnet Türen, sie ist aber kein Treppenlift zu den höheren Gehaltsklassen – weder an der Uni noch in der Wirtschaft.

An der Uni erlaubt sie dir, weiter zu forschen und irgendwann eine Gruppe zu leiten, in der Wirtschaft kann es sogar schwer werden, einen Job zu bekommen, denn welcher nicht-promovierte Chef möchte gerne einen nervenden Forscher ohne Praxiserfahrung mit höherem akademischen Grad in sein Team holen (ich sage nur Kompetenzgerangel).

ABER: eine Promotion schult den eigenen Denkstil ungemein. Sie trainiert uns, Themen rational, methodisch und tiefgründig anzugehen. Ich habe in den Jahren als Doktorand und Postdoc einen – wie ich finde – ganz neuen Denkstil entwickelt, der mir hilft, Sachverhalte unheimlich schnell zu verstehen, Probleme zu strukturieren und saubere Lösungsstrategien zu entwickeln, und nicht nur das!

Durch die Promotion habe ich letztendlich den Job gefunden, der mir unendlich viel Spaß macht – und das ist wirklich unbezahlbar!